Interview mit Dr. Potrafke in der Stuttgarter Zeitung vom 9.03.2009


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"Wir Ärzte sind schließlich keine Hilfsarbeiter"
Thomas Potrafke organisiert den Protest der Stuttgarter HNO-Ärzte und konfrontiert seine Patienten mit Qualitätseinbußen.
Am Mittwoch werden in der Schleyerhalle mehrere Tausend niedergelassene Ärzte gegen die Honorarreform protestieren. Dabei sein wird auch der Hals-Nasen-Ohren-Arzt Thomas Potrafke, der zusammen mit 35 Kollegen seit Wochen gegen die Kürzungen mobil macht.

Von Nicole Höfle

Wer in diesen Tagen von Thomas Potrafke im Ärztehaus in Zuffenhausen behandelt werden will, der kommt an den gelben Karten nicht vorbei. Sie liegen gleich an der Anmeldung, adressiert sind sie an den Ministerpräsidenten Oettinger, der darauf hingewiesen wird, dass ein Honorar von 28 Euro pro Quartal und Kassenpatient für eine gute fachärztliche Versorgung nicht ausreicht.
Für seine Patienten hat der 50-jährige HNO-Arzt außerdem ein Informationsblatt verfasst, in dem er ihnen nicht nur sagt, welche Parteien sie künftig nicht mehr wählen sollten, sondern auch erklärt, dass die Honorarreform zu einer Verschlechterung der Behandlungsqualität führt. Außerdem klärt er sie darüber auf, dass sie damit rechnen müssen, keine Leistungen mehr auf Krankenschein zu bekommen, wenn ihr Quartalsbudget von 30 Euro ausgeschöpft ist.
"Ich bin seit 15 Jahren niedergelassener Facharzt, aber die jüngste Reform schlägt dem Fass den Boden aus", ärgert sich der HNO-Arzt, der schon im vergangenen Jahr Umsatzeinbußen von 20 Prozent beklagte und nun weitere Kürzungen durch die Honorarreform nicht mehr hinnehmen will. "Bis zum Jahr 2007 bekamen wir HNO-Ärzte in Nordwürttemberg 40 bis 50 Euro pro Quartal und Kassenpatient vergütet, jetzt sind es zwischen 27 und 30 Euro", erklärt er.
Dabei sehe die Gebührenordnung - etwa für die Behandlung eines Hörsturzes - 171 Euro vor, für das Feststellen einer Schwerhörigkeit werden 71 Euro veranschlagt. "Da reichen 30 Euro im Quartal nicht weit", kritisiert der Zuffenhausener Arzt. Mit einfachen Diagnosen wie einer Mittelohrentzündung ließe sich dies nicht kompensieren, genauso wenig wie über die Einnahmen durch die Privatpatienten. "Sieben Prozent meiner Patienten sind privat versichert."
Kürzungen muss Potrafke, der jede Woche als Belegarzt im Bethesda-Krankenhaus operiert, auch bei der Vergütung von stationären Operationen hinnehmen: "Für eine Mandel-OP bekomme ich nur noch 175 statt bisher 218 Euro, für eine große Nasennebenhöhlen-OP 490 statt 590 Euro", so Potrafke, der mit seinem Ärger nicht alleine dasteht.
Im Februar hat Potrafke alle 38 Stuttgarter HNO-Ärzte ins Zuffenhausener Ärztehaus geladen. Danach haben 35 von ihnen per Unterschrift angekündigt, dass sie ihre Kassenzulassung zurückgeben werden, wenn sich an der Honorarreform nichts ändere. "So eine Einmütigkeit habe ich unter den Stuttgarter HNO-Ärzten noch nie erlebt. Das zeigt, wie stark alle betroffen sind", sagt Potrafke. An dem Protesttag am Mittwoch bleiben deshalb auch, abgesehen von zweien für den Notdienst, alle Stuttgarter HNO-Praxen geschlossen. Die Schuld an der finanziellen Misere gibt der Arzt den Politikern, aber auch seinen Interessenvertretern, die über den Bundesverband der Kassenärztlichen Vereinigungen an den Entscheidungen beteiligt waren. Was Potrafke am meisten ärgert, ist die Pharmaindustrie, die ohne Einbußen bleibe.
Für seine Praxis, in der er täglich bis zu 60 Patienten behandelt, hat Potrafke erste Konsequenzen gezogen: für eine Arzthelferin in Teilzeit hat er keine Nachfolgerin gesucht, besonders aufwendige Behandlungen versucht er so weit wie möglich zu vermeiden oder ins nächste Quartal zu verschieben. "Bei einem Hörsturz schicke ich die Patienten schneller in die Klinik." Allergietests würden eben nur noch in Notfällen angestellt und in manchen Fällen, etwa bei einem Tinnitus, könne die Diagnostik nicht mehr so exakt gemacht werden. "All das widerspricht natürlich den Ansprüchen eines Facharztes an eine gute medizinische Versorgung", sagt Potrafke, der auf die Reform der Reform hofft.
Was der HNO-Arzt tun wird, wenn die Reform bestehen bleibt, weiß er nicht. "Ich könnte mich auf Privatpatienten und plastische Operationen verlegen, aber das möchte ich nicht", sagt er. Noch immer muss er die Investitionen in seine Praxis abzahlen. Der HNO-Arzt will lieber angemessen honoriert werden - nach einem langem Studium und zehn Jahren Klinikerfahrung: "Wir Ärzte sind schließlich keine Hilfsarbeiter."

 

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