Artikel in der Stuttgarter Zeitung vom 17.06.2010


Artikel als Word.doc downloaden (29,5 KB)


Auch bei Popstars fiept es in den Ohren

Hörgesundheit: Eine zu hohe Lautstärke gefährdet Musiker und ihr Publikum in gleicher Weise.

Von Katharina Sorg

Andreas Rieke, alias And.Ypsilon von den Fantastischen Vier, konnte nichts mehr hören. Nach einem beidseitigen Hörsturz vor drei Jahren war der Popmusiker beinahe taub. "Für mich als Ohrenmensch bedeutete das eine völlige Abtrennung von der Welt, ich lief durch den Park und hab das Rauschen der Blätter nicht mehr gehört", erzählt der Popstar. Zwar hat sich sein Gehör weitgehend regeneriert, sehr hohe Frequenzen kann er aber seither nicht mehr wahrnehmen.

Wer fühlen will, muss vor allem hören können - und deshalb auf seine Ohren achtgeben. Das war der Tenor der Podiumsdiskussion im Rahmen der Stuttgarter Aktionstage zur Hörgesundheit.

Dank der Vuvuzela findet die Debatte über schädliche Beschallung momentan viel Gehör, doch nicht nur die fiese Tröte, sondern auch zu laute Musik kann das Hörvermögen stark einschränken. Erfahrungen tauschten die beiden Hip-Hop-Stars And.Ypsilon und sein Musikerkollege Schowi von der Stuttgarter Hip-Hop-Band Massive Töne, der Dirigent Frieder Bernius und der HNO-Arzt Thomas Potrafke am Dienstagabend aus.

Sie alle hören unterschiedliche Musik und dennoch hören alle gleich, zumindest was ihre Nervenzellen angeht. Eine zu hohe Lautstärke wäre so auf Dauer auch für alle ein Problem. "Man kann sich an Lärm nicht gewöhnen, und alle Nervenzellen sind gleich, auch bei Afrikanern ist der Vuvuzela-Lärm eine Belastung für die Ohren", sagt der HNO-Arzt Potrafke. Schowi, der inzwischen vor allem als DJ arbeitet, kann nicht ohne Musik leben. "Neben Ohrenschmalz habe ich seit einem Jahr aber auch einen Tinnitus im rechten Ohr", erzählt er. Ein Problem, denn ganz auf laute Musik will und kann er aus Leidenschaft und aus beruflichen Gründen dennoch nicht verzichten. Muss er auch nicht, meint zumindest der HNO-Arzt Potrafke "Die Innenohrzellen haben Reserven, die verzeihen auch mal was, aber sie brauchen Erholungszeiten". Sich ständig die Kopfhörer des tragbaren MP3-Players in die Ohren zu stöpseln und dann voll aufzudrehen, verursache enorme Schäden.

Wer das Meeresrauschen auch mit 40 Jahren noch hören will, sollte also öfter mal runterdrehen. Oder sich im Club und auf Konzerten einen Schutz auf die Ohren geben. Ist er vor seinem Auftritt schon im Club, schützt auch Schowi seine strapazierten Gehörgänge mit speziellen Ohrstöpseln. Für viele ist es schwierig abzuschätzen, wann Lautstärke schädlich ist. Ein erster Hinweis ist das Pfeifen im Ohr nach einer durchgetanzten Nacht. "Das hat eigentlich jeder nach einem Discobesuch und das verschwindet im Normalfall auch wieder, wenn nicht, muss man damit zum Arzt", sagt Potrafke.

Zum Nachdenken sollte es einen hingegen anregen, denn das Pfeifen im Ohr deutet darauf hin, dass es eigentlich zu laut war. "Bereits bei 90 Dezibel gibt es eine Schutzreaktion des Ohres", sagt Potrafke. Das Trommelfell spannt sich dann an und wirft mehr Schall zurück, als es aufnimmt.

Wie unangenehm es ist, mit einem Hörschaden zu leben, haben die Profimusiker erlebt. Hätte sich sein Ohr nicht erholt, wäre es für And.Ypsilon schwer geworden, weiter die Musik der Fanta 4 zu produzieren, und auch Schowi behindert das Pfeifen im Ohr immer wieder. Dirigent Bernius könnte kein Orchester mehr leiten, würde sein Gehör Schaden nehmen. "Es muss irgendwo Grenzen geben, Lautstärke an sich kann ja kein Wert sein", sagt er. Das man Lieblingsmusik im Auto aber auch mal aufdrehen muss, dafür hatten alle Verständnis, auch der HNO-Arzt.

Die Stuttgarter Aktionstage zur Hörgesundheit dauern noch bis 18. Juni.

 

zurück zum Seitenanfang                             Fenster schließen